Hansestädte und Handel im Sauerland
Attendorn, Brilon und Medebach gehörten im Mittelalter zum kurkölnischen Herzogtum Westfalen. Ihre politischen Räume waren damit nicht grundsätzlich verschieden; ihre städtischen Rollen und Handelsbeziehungen entwickelten sich jedoch unterschiedlich. Stadtrecht, regionale Märkte und Fernhandel verbanden die Orte mit größeren Handelsnetzen. Die Hanse war kein einheitlicher Verband, in dem jede Stadt denselben Einfluss besaß.
Attendorn: Stadtrecht und Verbindung über Soest
Attendorn erhielt 1222 unter Erzbischof Engelbert I. von Berg das Soester Stadtrecht. Die Stadt lag an einer Verbindung zwischen Köln, dem Hellwegraum und dem südlichen Sauerland. Kaufleute aus Attendorn waren über die Region hinaus aktiv; die städtische Überlieferung hebt besonders Tuchhandel und Beziehungen in den Ostseeraum hervor. Handel, städtische Privilegien und Handwerk gaben dem Ort eine wichtige Stellung im kurkölnischen Sauerland.
Attendorn nahm nicht unmittelbar an den großen Hansetagen teil. Es war mittelbar mit der Städtehanse verbunden und wurde dort von Soest vertreten. Auch für die regionale Organisation ist Soest wichtig: Attendorn erscheint im Kreis der Städte des Soester Hansequartiers und beteiligte sich an einer Regionaltagfahrt in Soest. Diese Form der Beteiligung unterscheidet sich von der direkten politischen Rolle eines zentralen Hansestadt-Vororts. Das 1222 verliehene Recht steht am Anfang eines prägenden Abschnitts der Geschichte Attendorns.
Brilon: Stadtrecht und Binnenhandel
Brilon ist 973 als Hof belegt. 1220 verlieh der Kölner Erzbischof der Siedlung Stadtrecht nach Soester Vorbild. Handel und Handwerk entwickelten sich im Rahmen der städtischen Freiheiten. In der Umgebung wurden Erze gewonnen und in Bergwerken, Hütten und Hammerwerken verarbeitet. Als Binnenstadt verband Brilon regionale Erzeugung und Versorgung mit weiter reichenden Handelswegen, ohne dadurch die Bedeutung der großen Küstenplätze zu erreichen.
Die westfälische Hanse war gestuft organisiert: Soest gehörte zu den zentralen Städten, während weitere Orte als Prinzipal- oder Beistädte eingebunden waren. Brilons hansische Stellung ist deshalb von den großen Küstenhandelsplätzen zu unterscheiden. Zugleich blieb der Landhandel wichtig. Waren aus Fernbeziehungen gelangten über Binnenstädte und örtliche Märkte in die umliegenden Regionen; lokale Versorgung und Handwerk waren kein Gegensatz zum Fernhandel. Als Zeugnisse städtischer Verwaltung und Kaufmannschaft sind in Brilon Urkunden, Stadtbücher und ein Hansebuch des Krameramts überliefert. In der Geschichte Brilons sind Stadtrecht, Handel und Handwerk eng verbunden.
Medebach: Wege nach Osten
Medebach lag an der Heidenstraße von Köln nach Leipzig sowie an der Weinstraße, die den Frankfurter Raum über Soest mit Norddeutschland verband. 1165 verlieh Erzbischof Rainald von Dassel der Stadt das Soester Stadtrecht. Schon in dieser Zeit besaß Medebach ausgedehnte Handelsverbindungen: Kaufleute waren mit dem Ostseeraum und der Hanse verbunden, Kontakte reichten bis nach Dänemark und Russland. Zugleich war Medebach ein bedeutender regionaler Marktort.
Die Landwege verbanden den örtlichen Markt mit weit entfernten Handelsplätzen. Kaufleute und Waren bewegten sich entlang dieser Routen, während Stadtrecht und lokale Obrigkeiten die Bedingungen des Handels prägten. Rainald erließ 1165 Vorschriften für Rechtsstreitigkeiten aus hansischen Handelsbeziehungen und bestätigte dabei die frühere Ausdehnung Medebacher Handelstätigkeit bis nach Dänemark und Russland. Der belegte Fernhandel zeigt die Reichweite der Beziehungen, ohne Medebach mit einem großen hansischen Zentrum gleichzusetzen. Diese Kontakte prägten die mittelalterliche Geschichte Medebachs.
Eine Hanse mit unterschiedlichen Beteiligungsformen
Die Hanse entwickelte sich aus Zusammenschlüssen reisender Kaufleute und später aus Bündnissen von Städten. Seit dem 14. Jahrhundert wurden gemeinsame Fragen auf Hansetagen beraten: Dazu gehörten Handelsverträge, Neuaufnahmen und Ausschlüsse sowie Maßnahmen gegen Zollhindernisse. Mitgliedschaft und Rang waren jedoch unterschiedlich. Einige Städte prägten die Entscheidungen, andere waren als Prinzipal- oder Beistädte eingebunden. Die westfälischen Binnenstädte waren keine gleichrangigen Kopien der großen Handelszentren an der Küste.
Der Austausch reichte über den Seehandel hinaus. Erst über den Landhandel gelangten Waren von den Küstenplätzen in die Binnenstädte und weiter in die umliegenden Regionen. Attendorn, Brilon und Medebach zeigen unterschiedliche Ausprägungen im selben kurkölnischen Herrschaftsraum: Attendorn war über Soest vertreten und ist im Soester Quartier bezeugt; Brilon verband Handwerk, Bergbauumfeld und Binnenmärkte; Medebach unterhielt nachweisbare Fernkontakte entlang wichtiger Landstraßen. Die Geschichte des Sauerlands reicht dabei über die hansischen Handelsverbindungen der Städte hinaus.
Der Hansetag von 1669 und die heutige Hanse
Ab dem 15. Jahrhundert verlor die Hanse schrittweise an Einfluss. Der letzte allgemeine Hansetag fand 1669 in Lübeck statt. Dort scheiterten Verhandlungen der verbliebenen Mitgliedsstädte über eine Fortsetzung des Bundes. Das Datum markiert einen wichtigen Abschluss der gemeinsamen Organisation, nicht ein plötzliches Ende des Handels oder aller hansischen Erinnerung. Fernhandel, lokale Märkte und Verbindungen der Kaufleute entwickelten sich auch danach weiter.
Die heutige Bezeichnung Hansestadt und moderne Städtebünde knüpfen an die mittelalterliche Geschichte an, sind aber nicht mit der alten Hanse identisch. 1983 gründeten ehemalige Hansestädte in Herford den Westfälischen Hansebund als kommunale Gemeinschaft. Die moderne „Neue Hanse“ entstand 1980 als grenzüberschreitender Zusammenschluss ehemaliger Hansestädte. Attendorn führt heute offiziell den Namenszusatz Hansestadt. Soest vertrat Attendorn bei den großen Hansetagen und war zugleich ein zentraler Vorort der westfälischen Hanse. Der Drahthandelsweg im westlichen Sauerland gehört in eine spätere Handelszeit. Die mittelalterlichen Städte sind Teil einer breiteren regionalen Geschichte.