Handwerk und Industriekultur im Sauerland: Draht, Erz und Schiefer
Handwerk und Industriekultur im Sauerland lassen sich an drei sehr unterschiedlichen Orten entdecken: Altena steht für das Drahtgewerbe, Ramsbeck für den Erzbergbau und Holthausen für Schiefer und ländliche Werkstätten. In Museen und historischen Anlagen wird greifbar, wie Menschen Rohstoffe gewannen, Werkzeuge entwickelten und daraus Waren für den Alltag herstellten. Gemeinsam erzählen die Orte von einer Region, deren Arbeitswelt durch Wasser, Gestein, Metall und handwerkliches Wissen geprägt wurde.
Altena: vom Drahtziehen zur Industrie
In Altena entwickelte sich das Drahtgewerbe über Jahrhunderte zu einem wichtigen Teil des städtischen Lebens. Draht war ein vielseitiger Werkstoff: Er konnte zu Ketten, Nadeln, Seilen und vielen weiteren Produkten verarbeitet werden. Das Deutsche Drahtmuseum verbindet technische Abläufe mit der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Menschen, die Draht herstellten und weiterverarbeiteten. Der Rundgang zeigt, wie ein scheinbar einfacher Werkstoff Handel, Berufe und den Alltag einer Stadt mitgestaltete.
Beim traditionellen Drahtziehen wird ein grober Draht kalt durch die enger werdende Öffnung eines Zieheisens gezogen. Mit jedem Arbeitsgang wird er länger und dünner, bis der gewünschte Durchmesser erreicht ist. Die Ausstellung zeigt Zieheisen und historische Darstellungen verschiedener manueller Techniken. Eine Versuchsstation macht die körperliche Arbeit nachvollziehbar: Wer den Draht selbst zieht, erlebt unmittelbar, dass die Fertigung Kraft, Geschick und gleichmäßige Bewegungen verlangt.
Die industriellen Maschinen führen diese Geschichte in eine andere Größenordnung. Im Museum stehen funktionsfähige Drahtziehmaschinen aus den Jahren 1920 bis 1952, darunter teilweise über Transmission angetriebene Anlagen. Filme zeigen den laufenden Produktionsvorgang; bei Führungen werden die Maschinen auf besonderen Wunsch von erfahrenen Drahtziehern und Museumstechnikern in Betrieb genommen. Originale Ziehsteine und Spezialmaschinen erläutern einzelne Schritte bis hin zu Feinstdrähten. So wird der Wechsel von der Muskelkraft zur maschinellen Fertigung sichtbar, während Materialkenntnis und präzise Einstellung weiterhin entscheidend bleiben. Die Drahtstadt Altena und ihre Stadtgeschichte geben dem Museumsbesuch den örtlichen Zusammenhang. Der Drahthandelsweg von Altena nach Iserlohn erinnert daran, dass Rohstoff und Waren über die Stadt hinaus mit Orten der Region verbunden waren.
Ramsbeck: Erzbergbau und Leben unter Tage
Ramsbeck, heute ein Ortsteil der Gemeinde Bestwig, ist eng mit dem Abbau von Blei- und Zinkerzen verbunden. Die ältesten Bergbauspuren am Bastenberg werden in das 14. Jahrhundert datiert; 1518 wurde der Erzabbau in Ramsbeck erstmals urkundlich erwähnt. 1559 erhielt der Ort die Bergfreiheit. Über mehr als vier Jahrhunderte prägte die Förderung von Blei und Zink die örtliche Erwerbswelt. Auch Silber kam aus dem Berg: Im 17. Jahrhundert ließ der Kölner Kurfürst Taler aus Ramsbecker Silber prägen.
Im 19. Jahrhundert veränderten größere Gesellschaften und neue Investitionspläne den Bergbau. Mitte der 1850er-Jahre sollte Ramsbeck zu einem bedeutenden Industriezentrum ausgebaut werden. Pochwerke, ein Hüttenwerk in Ostwig sowie neue Straßen und Siedlungen gehörten zu den Vorhaben. Die Zahl der Beschäftigten stieg innerhalb kurzer Zeit stark an; zugleich mussten Wohnen und Versorgung für die wachsende Bevölkerung organisiert werden. 1855 brach der Ausbau unter hohen Schulden zusammen. Der Betrieb wurde neu geordnet und anschließend schrittweise modernisiert: Elektromotoren ersetzten Dampfmaschinen, ab 1879 wurde Druckluft als Antriebskraft eingesetzt.
Das Besucherbergwerk erschließt einen Teil dieser Arbeitswelt unter Tage. Im früheren Verwaltungs- und Kauengebäude erzählen die Lohnausgabe, der Schreibtisch des letzten Bergwerksdirektors und die Röhren zum Aufbewahren der Kleidung vom betrieblichen Alltag. Werkzeuge und große Bohrmaschinen zeigen die technische Entwicklung vom Feuersetzen bis zur Mechanisierung. Mit einer elektrischen Grubenbahn fahren Besucher rund 1,5 Kilometer durch den Eickhoffstollen; am Ausstieg liegen etwa 300 Meter Gebirge über ihnen. Der Stollen wurde 1923 aufgefahren. Die Ausstellung ordnet einzelne Maschinen und Arbeitsbereiche in den Zusammenhang von Erzgewinnung und Aufbereitung ein. Die Museums- und Kulturlandschaft im Sauerland bietet weitere regionale Themen, während Bestwig den geographischen Bezug zu Ramsbeck herstellt.
Der Bergbau endete in Ramsbeck am 31. Januar 1974. Sinkende Metallpreise und der geringe Metallgehalt des Roherzes ließen die Förderung unwirtschaftlich werden. Heute vermittelt die erhaltene Anlage, wie eng Technik, körperliche Arbeit und wirtschaftliche Bedingungen zusammenwirkten. Ein Rundgang vom Verwaltungsgebäude bis in den Stollen führt diese Ebenen zusammen: Werkzeuge zeigen die Arbeitsschritte, Maschinen erklären den technischen Wandel, und die Bergwerksgeschichte macht die Veränderungen der örtlichen Lebensgrundlage verständlich.
Holthausen: Schiefer, Dachplatten und Dorfhandwerk
Im Schmallenberger Ortsteil Holthausen steht das Westfälische Schieferbergbau- und Heimatmuseum. Schiefer wurde im Sauerland an verschiedenen Stellen unter Tage gewonnen; auch das nahe Bad Fredeburg ist mit dem Abbau verbunden. Die natürliche Spaltbarkeit des Gesteins macht es möglich, dünne Platten zu gewinnen. Wegen seiner Haltbarkeit und seines Aussehens wurde Schiefer zu einem bedeutenden Material für Dächer und Wandverkleidungen. Die graublauen Flächen prägen vielerorts die Architektur der Dörfer.
Zwischen dem Rohstein und dem fertigen Dach liegt eine Reihe handwerklicher Schritte. Große Blöcke werden gesägt, gespalten und zugerichtet; dabei entstehen Platten mit unterschiedlichen Formen und Größen. Stärke und Oberfläche bestimmen, wofür ein Stück verwendet werden kann. Das Museum in Holthausen zeigt die Arbeit vom Abbau des Gesteins bis zum fertigen Produkt. Der Besuch verbindet damit Geologie und Baukultur: Der Schiefer ist zugleich ein Naturmaterial, ein Gegenstand bergmännischer Arbeit und ein sichtbarer Bestandteil der Häuser. Schmallenberg bildet den räumlichen Rahmen für Holthausen und seine Ortsteile.
Die volkskundliche Sammlung erweitert den Blick vom Bergwerk auf die alltägliche Arbeit im Dorf. Landwirtschaftliche Geräte stehen neben Werkstätten von Stellmacher, Sattler und Schuster. Ein Stellmacher fertigte hölzerne Teile und Räder für Fuhrwerke; der Sattler verarbeitete Leder, und der Schuster stellte Schuhe her oder reparierte sie. Eine „gute Stube“, Schultornister und Haushaltsgeräte zeigen, wie eng Produktion, Versorgung und Wohnen miteinander verbunden waren. Handwerkliche Arbeit fand in großen Betrieben ebenso wie in Werkstätten und Höfen statt, die den täglichen Bedarf deckten.
Zum regionalen Zusammenhang gehören heute unterschiedliche Handwerksbetriebe und Arbeitsformen. Ein Überblick über Handwerk im Sauerland ergänzt die historischen Werkstätten um die Vielfalt des Themas. Für Altena führt der Blick auf Sehenswürdigkeiten der Drahtstadt zurück zu ihrer besonderen Verbindung aus Industrie und Stadtgeschichte.
Drei Museen, unterschiedliche Zugänge
Die drei Museen erschließen die Arbeitsgeschichte auf unterschiedliche Weise. In Altena können Besucher das Drahtziehen selbst ausprobieren; bei Führungen werden Maschinen auf besonderen Wunsch in Betrieb genommen. In Ramsbeck verbindet die Grubenbahn die Ausstellung im Verwaltungsgebäude mit einer geführten Runde unter Tage. Holthausen stellt die Verarbeitung des Schiefers neben die Werkstätten des Dorfhandwerks. So stehen industrielle Fertigung, Erzbergbau unter Tage und handwerkliche Arbeit im Alltag im direkten Vergleich – drei Zugänge, um die Verbindung zwischen Werkstoff, Arbeitsweise und Leben im Sauerland zu verstehen.