Zum Inhalt

Sagen und Legenden im Sauerland

Sauerländer Sagen sind an konkrete Landschaften und Orte gebunden: Eine Madonna soll in Sendschotten geraubt werden, kleine Helfer erscheinen in Germinghausen und Köbbinghausen, am Hohlen Stein bei Velmede begegnen sich Erzählungen von Hollen und der Seherin Veleda. Solche Geschichten gehören zur Überlieferung, nicht zur belegten Ortsgeschichte. Die Motive reichen von Schutz und Verlust bis zu Hilfe, verbotener Weissagung und unheimlichen Begegnungen. Eine dichte Sammlung liegt rund um Drolshagen; weitere Erzählorte befinden sich bei Bestwig und Warstein.

Sechs Sagen aus dem Drolshagener Land

Ein beschilderter Rundweg im Drolshagener Land verbindet sechs Tafeln mit örtlichen Geschichten und Bildern. Die Sendschotter Madonna steht für eine Erzählung vom vergeblichen Raub einer Madonnenstatue. Beim „Ümmegang“ Anfang Juli erinnern frühmorgendliche rollende Böllerschüsse an dieses Motiv. Die Überlieferung verknüpft damit eine religiöse Figur und einen wiederkehrenden örtlichen Brauch: Die Geschichte wird nicht nur erzählt, sondern bleibt im Klang des Festes präsent.

In Germinghausen treten die Schanhollen auf – kleine Wesen, die Handwerkern und Bauern helfen, Menschen aber nur selten erscheinen. Ein Schuster soll ihre Hilfe erhalten haben, allerdings nur für ein Jahr; im benachbarten Köbbinghausen unterstützen sie Bauern bei ihrer Arbeit. Der Jahreszeitraum macht die Sage zu einer Erzählung über Bedingungen und Begrenzungen: Hilfe ist möglich, aber nicht selbstverständlich und nicht dauerhaft. Die ähnlichen Figuren der Kölner Heinzelmännchen geben einen Vergleich, während die sauerländische Geschichte ihre eigenen Orte und Tätigkeiten behält.

Die Hellseherin von Essinghausen verkörpert ein anderes Spannungsfeld. In der Sage suchen Menschen gerade in schwierigen Zeiten einen Blick in eine bessere Zukunft, obwohl das Wahrsagen verboten ist. Wird die Seherin von der Obrigkeit entdeckt, zahlt sie eine Geldstrafe – und macht dennoch weiter. Der Erzählkern ist damit nicht allein ein übernatürliches Können, sondern die Nachfrage nach Hoffnung und die Grenze zwischen erlaubtem Glauben und verbotener Praxis.

Beim Hänschen von Voßsiepen führt die Erzählung in die Einsamkeit der Bergwiesen kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Ein Hirte wird von Erscheinungen geplagt; vermeintliche Stimmen fordern ihn zu grausamen Taten auf und versprechen ihm dafür, zum „Herren der Welt“ zu werden. Die einsame Bergwiese wird so zum Ort, an dem Angst und Verlockung die Grenzen des Menschlichen verwischen. Die Stimmen gehören zur Sage, nicht zu einer belegten übernatürlichen Begebenheit.

Die „Raubende Äbtissin“ setzt ihre Geschichte in die frühe Neuzeit und in die Zeit der Truchsessischen Wirren, als der Konfessionswechsel des Kölner Erzbischofs Kämpfe im Sauerland auslöste. Eine Frau, die eigentlich nicht Nonne werden wollte, wird Äbtissin, verlässt bald darauf das Kloster in Drolshagen mit dem Klosterschatz und flieht ins benachbarte „Ausland“. Die Sage verknüpft große religiöse Konflikte mit einer persönlichen Fluchtgeschichte und macht aus einer Klosterfigur eine Grenzgängerin.

In der letzten Erzählung, der versunkenen Glocke im Glockensiepen, wird das Publikum moralisch angesprochen. Nachdem der Teufel seinen Einfluss auf die Drolshagener verloren hat, will er seine Macht durch eine besonders böse Tat mit fortdauernden Folgen demonstrieren. Der Ort erhält dadurch eine akustische und religiöse Bedeutung: Eine Glocke steht für Gemeinschaft und Glauben, ihr Versinken für eine bedrohliche Störung dieser Ordnung. Die Sage lässt den Konflikt zwischen dem Teufel und der Dorfgemeinschaft in der Landschaft verankert weiterleben.

Ein Sagenweg als Weg durch reale Orte

Sechs Tafeln begleiten den Rundweg vom Parkplatz vor der Touristinformation Am Mühlenteich zurück zum Ausgangspunkt. Die Tour ist als regionaler Wanderweg mit 10,4 Kilometern Länge, rund 2 Stunden und 49 Minuten Gehzeit sowie 159 Höhenmetern im Aufstieg beschrieben. Namen wie Germinghausen, Köbbinghausen, Essinghausen und Voßsiepen verankern die Erzählungen in der Landschaft. Die Tour lässt sich in die weiteren Wanderwege im Sauerland einordnen; für den Drolshagener Raum ist auch Wandern im Drolshagener Land ein passender Ortsbezug.

Hollenloch bei Velmede: Hollen oder Veleda?

Die Veleda-Höhle bei Velmede ist auch unter dem Namen Hohler Stein bekannt. Um sie ranken sich mehrere Sagen. Eine Lesart erzählt von hilfsbereiten Hollen, die den Menschen beistanden; eine andere knüpft an Veleda als germanische Seherin an, die dem Volk als Orakel Antworten auf wichtige Lebensfragen gab. Diese Varianten sind nicht zu einer einzigen verbindlichen Geschichte zusammenzuziehen. Gerade der Wechsel zwischen kleinen hilfreichen Wesen und einer weissagenden Frau zeigt, wie ein markanter Höhlenort unterschiedliche Vorstellungen aufnehmen kann.

Die Höhle liegt bei Velmede im Bestwiger Raum; der Fels ist zugleich Natur- und Erzählort. Bestwig grenzt an die Orte rund um Meschede, wo Täler und Felsen ebenfalls Landschaftsnamen prägen. Ein weiterer markanter Ort ist der Hohle Stein bei Rüthen-Kallenhardt: Dort führt die Sauerland-Waldroute an einer Sagenstation im Naturschutzgebiet Lörmecketal vorbei.

Anzeige

Waldroute, Warstein und weitere Erzählorte

Die Sauerland-Waldroute versammelt verschiedene Sagenstationen. Dazu gehören die „Mescheder Hexenrache“, das Hollenloch bei Velmede, der falsche Schnadegänger und die Eppensage im Warsteiner Stadtgebiet sowie das Geldfeuer im Römerlager bei Rüthen. Schon die Namen zeigen die Bandbreite: Hexenrache und Teufel gehören in eine andere Erzählwelt als Grenzgänger oder Glocken. Das Geldfeuer im Römerlager erzählt von einem schlauen Bauern, der es mit dem Teufel aufnehmen will und besser auf seine Großmutter gehört hätte.

Im Warsteiner Stadtgebiet liegt die Station zur Eppensage; zu den weiteren lokalen Motiven zählen Knüppelhund, Hohler Stein und falscher Schnadegänger. Diese Ortsbezüge gehören in den Zusammenhang von Warstein und seiner Umgebung. Die Stationen verbinden Waldlandschaft und örtliche Erzählungen in der Umgebung von Meschede und Warstein.

Belecker Sturmtag: Geschichte und ausgeschmückte Überlieferung

Auch der Belecker Sturmtag verbindet einen belegten historischen Angriff mit späteren Sagenmotiven. Am 8. Mai 1448, während der Soester Fehde, griffen Soester Truppen den befestigten Flecken Belecke an. Die Angreifer zogen erfolglos ab; zwei von ihnen starben, ebenso der Belecker Bürgermeister Wilken. Über Generationen wurde die Verteidigung dramatisch ausgeschmückt: Steine, siedender Brei, glühender Sand und Bienenstöcke sollen die Angreifer zurückgeworfen haben. Diese Bilder gehören zur Überlieferung und nicht zum gesicherten Ablauf. Der Unterschied macht die Geschichte nicht weniger bedeutsam: Er zeigt, wie Erinnerung ein Ereignis mit anschaulichen Bildern und einem Helden verbindet.

Die Belecker hielten seit dem 18. Jahrhundert am Jahrestag eine Prozession um den Kirchhof und eine Messe für die Kämpfer. Die Bezeichnung Sturmtag ist seit 1744 belegt. Böllerschüsse gehören seit dem 19. Jahrhundert als jüngere Schicht zur Feier. Heute setzt sich die Erinnerung in Gottesdienst, Umzug und Festveranstaltung fort; seit 2022 zählt das Brauchtum zum immateriellen Kulturerbe Nordrhein-Westfalens. Belecke ist heute ein Ortsteil von Warstein; zur Geschichte Warsteins gehören damit mehrere lokale Identitäten und Erinnerungsorte.

Von Drolshagen über Velmede bis Belecke verankern Sagen unterschiedliche Deutungen in konkreten Landschaften und gemeinschaftlichen Erinnerungsorten.