Mundart und regionale Sprache im Sauerland
„Sauerländer Platt“ bezeichnet keinen einheitlichen Dialekt mit überall gleichen Wörtern und Lauten. In vielen Orten gehört es zu den westfälisch-sauerländischen niederdeutschen Mundarten, deren Formen sich kleinräumig unterscheiden. Zwischen Drolshagen und Olpe verändern sich einzelne Vokale und Pronomen; im Raum Brilon und Sundern sind selbst vertraute Wörter wie „ein bisschen“ unterschiedlich überliefert. Zugleich verlaufen Sprachgrenzen nicht einfach entlang heutiger Kreisgrenzen: Hallenberg gehört zu einem anderen Mundartgebiet als die westfälischen Teile des kurkölnischen Sauerlands. Die regionale Sprache erschließt sich deshalb am besten über konkrete Ortsbeispiele – etwa in Olpe, Sundern oder Brilon.
Platt und Niederdeutsch: eine regionale Sprachlandschaft
Die Bezeichnungen „Platt“ und „Plattdeutsch“ sind im Sauerland geläufige Namen für örtliche Mundarten. Niederdeutsch ist dabei eine sprachwissenschaftliche Einordnung; „Platt“ ist die Bezeichnung, die Sprecherinnen und Sprecher selbst verwenden. Das Wort meint ursprünglich nicht die flache norddeutsche Landschaft: frühe Belege aus dem 16. und 17. Jahrhundert stehen für eine deutliche, verständliche oder vertraute Sprache. Dass Menschen im Sauerland von „Platt“ sprechen, passt damit zur lokalen Bindung des Ausdrucks.
Eine wichtige sprachgeschichtliche Orientierung bietet die Benrather Linie, die unter anderem über Schmallenberg und Kassel verläuft. Sie markiert die Grenze, an der die Zweite Lautverschiebung sprachlich sichtbar wird: Nördlich der Linie heißt es in niederdeutschen Formen „maken“ mit k, südlich davon „machen“ mit ch. Diese Lautgrenze ist jedoch keine starre touristische oder kommunale Grenze und erklärt allein nicht alle Unterschiede der Sauerländer Mundarten. Laut- und Wortformen entstanden in kleineren Nachbarschaftsräumen, die sich über lange Zeit entwickelten und an benachbarte Sprachgebiete anschlossen. Dass die Linie durch Schmallenberg verläuft, zeigt, dass der Sauerlandraum diese Sprachgrenze quert; regionaler Name und Mundartgebiet decken sich nicht vollständig.
Drolshagen und Olpe: kleine Lautunterschiede, eigene Formen
Die Mundarten von Drolshagen und Olpe gehören zu den westfälisch-sauerländischen Dialekten im Südwesten des kurkölnischen Sauerlands. Sie zeigen, wie eng Dialekte verwandt sein können, ohne gleich zu klingen. Zugleich bewahren sie Eigenheiten, die nicht überall in diesem Sprachraum vorkommen. Der Lautwandel in einzelnen Wörtern ist besonders anschaulich: Wo man in Drolshagen „soiken“ für „suchen“ sagt, steht in Olpe „saiken“. Entsprechend lauten die Formen für „er tut“ dort „doit“ und „dait“, für „Tiere hüten“ „hoien“ und „haien“.
Auch Personalpronomen weichen ab. Das Pronomen der ersten Person Plural, also „wir“, lautet in der untersuchten Drolshagener Mundart „fi“, in Olpe „wi“. Für Sprecher aus dem jeweiligen Ort sind solche Formen Teil eines vertrauten Sprachsystems; für Außenstehende machen sie hörbar, dass Dialekt nicht nur eine Handvoll alter Wörter bedeutet. Lautung, Grammatik und Wortschatz bilden zusammen eine Ortsmundart. Beim Vergleich von „fi“ und „wi“ verändert sich bereits der Anfangslaut eines besonders häufigen Wortes. Bei „soiken“ und „saiken“ liegt der Unterschied dagegen im Vokal: Beide Formen bezeichnen dieselbe Tätigkeit, bewahren aber eine örtlich eigene Aussprache. Eine weitere regionale Eigenheit ist das Verb „klaffen“: In Olpe kann es „sprechen“ bedeuten, während in anderen westfälisch-sauerländischen Mundarten „kuiern“ beziehungsweise „küern“ für sprechen gebräuchlich ist. In Olpe gehört „klaffen“ damit zum örtlichen Wortschatz; die Nachbarformen „kuiern“ und „küern“ zeigen andere sprachliche Gewohnheiten innerhalb der Region.
Auch benachbarte Sprachräume unterscheiden sich: Die Mundart in Hallenberg im östlichen kurkölnischen Sauerland ist mitteldeutsch-hessisch. Der Ort ist kulturell eng mit dem Sauerland verbunden, während seine Sprache Beziehungen zum benachbarten hessischen Sprachraum erkennen lässt. Wer den südlichen Übergangsraum erkundet, findet dazu weitere Ortsbezüge in der Geschichte von Olpe und der Ortslandschaft Attendorns.
„Ein bisschen“: ein Wort, mehrere Ortsformen
Besonders leicht verständlich wird Dialektvariation an einem alltäglichen Ausdruck. Für „wenig“, „etwas“ oder „ein bisschen“ verzeichnet ein niederdeutsches Wörterbuch „kitzken“ und regionale Varianten. In Wenden ist „kippchen“ belegt, in Drolshagen „kitztīn“, in Olpe „kitzchen“. Wenige Kilometer können also eine andere Lautung hervorbringen, obwohl die Grundbedeutung sehr ähnlich bleibt. Die Schreibungen bilden dokumentierte Mundartformen ab; sie sind keine lautgetreue Anleitung für jede Sprecherin und jeden Sprecher.
Ein verwandter Ausdruck, „bietken“, bedeutet ebenfalls „wenig, etwas, ein bisschen“. In Arnsberg und Sundern ist diese Form belegt, während Brilon „bietzken“ und Niedersfeld „bieteken“ kennt. Das Beispiel zeigt zugleich, warum eine einzelne Form nicht pauschal „sauerländisch“ genannt werden sollte. Sie lässt sich einem engeren Gebiet zuordnen, und die Nachbarorte können abweichende Formen verwenden. Die moderne Kreis- oder Gemeindegrenze ist dabei nicht automatisch die Grenze des Wortgebrauchs. Der Ortsname liefert eine präzise Einordnung; die Lautform erzählt etwas über Sprachkontakt und regionale Entwicklung.
Solche Unterschiede bleiben auch dann interessant, wenn Hochdeutsch im Alltag dominiert. Dialektwissen lebt in Familien, Vereinen, lokalen Texten, Wörterbüchern und Erinnerungen an die ältere Generation weiter. Es kann außerdem in Gedichten, Erzählungen oder Liedern bewusst gepflegt werden. Eine Form wie „bietken“ ist dabei nicht bloß ein nostalgisches Etikett, sondern ein Beleg dafür, dass regionale Sprache konkrete, kartierbare Vielfalt besitzt. In den Orten rund um Arnsberg und in Brilons Stadtgebiet lässt sich diese Vielfalt mit Ortsgeschichte und Alltagskultur verbinden.
Dialekt als Teil regionaler Identität
Platt ist mehr als Aussprache. Wortschatz und Redewendungen können lokale Natur, Arbeit und Zusammenleben spiegeln. Niederdeutscher Wortschatz ist räumlich verschieden verteilt. Im Sauerland begegnen unterschiedliche Sprachstufen, Übergänge und Nachbarschaftseinflüsse; keine einzelne Schreibweise bildet sie vollständig ab. Mundartbeispiele bleiben deshalb mit ihrem Ort verbunden.
Zum kulturellen Erbe gehören auch überlieferte Mundarttexte und die Arbeit an Wörterbüchern. Für Drolshagen und Olpe liegen eigenständige Sammlungen und wissenschaftliche Beschreibungen vor. Im märkischen Sauerland ist landwirtschaftlicher Wortschatz dokumentiert: Begriffe aus Haushalt, Arbeit sowie Tier- und Pflanzenwelt. Die dortigen Niederdeutsch-Mundarten gelten als fast ausgestorben. Genau bezeichnete Ortsformen bewahren, wie Lebensbereiche sprachlich geordnet wurden.
Die Sprachräume lassen sich gut mit den jeweiligen Orten verbinden: Sunderns Geschichte, Brilons historische Entwicklung und die Geschichte Eslohes geben den Ortsrahmen, in dem Sprache über Generationen weitergegeben wurde. Zusammen mit den Beispielen aus Drolshagen, Olpe, Wenden und Hallenberg ergibt sich kein Einheitsdialekt, sondern ein Mosaik nah verwandter Formen und angrenzender Sprachgebiete. Genau darin liegt der besondere Reiz des Sauerländer Platts: Die regionale Zugehörigkeit verbindet, während die Mundart die Eigenart der einzelnen Orte hörbar macht.